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Stories aus dem Reisekoffer

 

YADOKARI BLUE
Ein Roman und seine Inspiration

Yadokari Blue entstand aus den Erlebnissen und Eindrücken, die ich von einer langen Reise mit nach Hause brachte. Mein Weg führte mich durch Thailand, Laos, Vietnam, Japan und Australien. Im südlichsten Winkel Japans legte ich eine Pause ein, auf einer kleinen Insel im Nordwesten Okinawas. Nur ein paar Nächte wollte ich bleiben, doch am Ende wurden aus wenigen Nächten ganze zwei Monate. 

 

Meine Zeit im Inselparadies verbrachte ich im traditionellen Haus einer Familie, direkt am Meer. Mit meinen Gastgebern genoss ich die Sommernächte unter der Milchstraße und lauschte den Wellen des Meeres. An manchen Abenden trafen sich die Nachbarn im Garten, um auf dem Sanshin zu spielen und Awamori zu trinken. Der Sommer war die Zeit der Festivals und ich fehlte auf keinem einzigen.

Es war eine traumhafte Zeit, die ich mit wundervollen Menschen verbringen durfte. Während der beiden Monate im Paradies entstand die Idee, einen Roman zu schreiben - eine Geschichte, die von der Liebe zweier Frauen auf einer kleinen Insel im ostchinesischen Meer erzählt. 

All die Impressionen, Erlebnisse und Farben, die ich im Inselparadies in einem entlegenen Winkel Okinawas eingesammelt habe, ließ ich in diesen Roman einfließen. 

Es war ein großartiger Moment, als ich das Ergebnis zum ersten Mal als Printversion in den Händen hielt: YADOKARI BLUE – Die magische Reise der Janne O.

Lust auf eine Leseprobe? 

YADOKARI BLUE - Die magische Reise der Janne O.

„Wie viele Taifune hast du eigentlich schon erlebt, Yoshi?“, fragte ich und setzte mich zu ihm auf die Treppe. Yoshi runzelte die Stirn und benutzte unschlüssig seine Finger zum Zählen. Er schien sich zu vergewissern, wie viele es tatsächlich gewesen sein mochten. „Sechs oder sieben…ich weiß es nicht…aber so richtig schlimm waren nur zwei…“, erwiderte er schließlich. „Richtig schlimm? Und was bedeutet das?“ So richtig konnte ich mir das Ausmaß solcher Taifune immer noch nicht vorstellen. „Hmm…vor ein paar Jahren hat der Taifun da vorne ganze Bäume entwurzelt…die Schindeln von den Dächern gerissen…und genau…die hintere Hälfte von meinem Schuppen, die hat er zum Einstürzen gebracht...“, erzählte Yoshi und zeigte mit der Hand auf den Schuppen, in dem jetzt sein Suzuki stand. 

Offenbar machte sich Yoshi große Sorgen und genau das beunruhigte mich. Auf der Insel drehte sich alles nur noch um den Taifun und dennoch tat jeder vor mir so, als käme es nur auf die richtige Vorbereitung an. Die Menschen um mich herum versuchten mir zu vermitteln, dass der Taifun etwas ganz Gewöhnliches war, etwas um das ich mich nicht sorgen sollte. Ich stand verwundert daneben und konnte nicht übersehen, wie jede neue Nachricht über die Bewegungen des Taifuns die Nachbarschaft in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sie hatten alle Hände voll zu tun, denn die Vorkehrungen liefen auf Hochtouren. „Jetzt können wir hier nicht mehr weg…ab morgen früh wird der Fährbetrieb eingestellt…“, sagte Yoshi trocken und nahm einen Schluck Bier. „Warum sagst du das? Sollten wir denn weg wollen?“, fragte ich unsicher. Yoshi schüttelte den Kopf. „Mach dir nicht so viele Gedanken, Janne…außerdem…die Hauptinsel drüben wird’s genauso treffen wie uns hier.“ Yoshi grinste ein wenig zerknittert. „Na…jetzt ist es so wie so zu spät.“ Wenn ich ehrlich war, machte es mir nicht aus, auf der Insel festzusitzen. Mein Herz sagte mir, dass ich gar nicht fliehen wollte, vor dem Sturm. 

Ich brannte schon den ganzen Vormittag darauf, Harue zu sehen und sie zu fragen, ob sie Hilfe benötigte mit den Vorkehrungen. Innerlich musste ich mich selbst belächeln. Ich verspürte kein bisschen Lust dazu, Yoshi im Garten zu helfen, konnte es aber kaum erwarten, Harue meine Arbeitskraft anzubieten. Yoshi beschäftigt sich mit Bohnen und Okrasträuchern…das ist eben nicht zu vergleichen mit Harues Kunstwerken…, dachte ich und rechtfertigte meine etwas einseitige Motivation vor mir selbst.   Das Warten auf den Sturm war neu für mich. Ich war mir selbst nicht sicher, ob mir die Angst vor dem ersten Taifun meines Lebens ein flaues Gefühl in der Magengrube bescherte, oder vielleicht die Vorfreude, Harue zu sehen und ihr im Garten zu helfen. „Yoshi…ich bin dann nochmal weg…bevor wir uns morgen im Haus verschanzen müssen…“, sagte ich und erhob mich von der Treppenstufe. Selbst mir als Neuling war es nicht entgangen, wie rasch der Wind an Geschwindigkeit gewann. Langsam war ein Wetter im Anmarsch, das ich als Mitteleuropäerin schon längst als Sturm identifizierte. Yoshi und seine Nachbarn schienen allerdings noch keine besondere Notiz davon zu nehmen. Ich ahnte, dass der bevorstehende Taifun etwas anderes als Sturm bedeuten würde. 

„Ah so so…verstehe…“, erwiderte Yoshi sichtlich enttäuscht, als ich mich noch vor dem Mittagessen so unternehmungslustig von ihm verabschiedete. „Bin bald zurück…und wir wollten doch heute Abend so wie so italienische Pasta kochen, oder?“ Ich hoffte, der Gedanke würde ihn etwas aufmuntern. Sobald er nur ahnte, dass Harue im Spiel sein könnte, verfiel Yoshi in seine griesgrämige Laune. Manchmal konnte er einem damit ein schlechtes Gefühl machen und alles verderben. Mit grimmigem Gesichtsausdruck nickte er und biss sich auf die Unterlippe. „Mmh hmm…“, brummte er und machte sich wieder an die Arbeit. „Okay…dann…sehn wir uns am Abend!“ Ich winkte ihm zu und es blieb mir nicht verborgen, mit welchem Unmut im Gesicht er mir hinterherblickte. 

Die Frage aller Fragen stand Yoshi genau zwischen den Augenbrauen ins Gesicht geschrieben, wie ein großes, unsichtbares Fragezeichen, das eher eckig als geschwungen in eine tiefe Stirnfalte mündete. Was zum Teufel geht zwischen dir und Harue vor sich? Diese Frage sprang mir aus dem sonderbaren Blick, den Yoshi mir hinterherwarf, entgegen. Ich habe doch selbst keine Ahnung…, dachte ich im Weggehen und fragte mich, ob ich in Yoshis Blick nicht sogar das erkannte, was ich mir selbst wünschte. Harue war eine wunderschöne, geheimnisvolle Frau und ich konnte nicht leugnen, dass ich ihre Gesellschaft von Tag zu Tag mehr genoss. An Harues Seite empfand ich plötzlich wieder eine Leichtigkeit, die ich längst verloren geglaubt hatte. Jetzt musste ausgerechnet ich mit einem gewissen Prickeln an Harue denken, obwohl ich keinen Blick mehr für eine andere Frau hatte, seit Nori tot war. Jede andere ließ mich einfach kalt und das ganze letzte Jahr über war ich mir in meiner Trostlosigkeit so verdammt sicher, mich nie wieder verlieben zu können. Ich seufzte und beschloss, das Thema auf sich beruhen zu lassen. 

Mit offenen Armen lief ich die Straße hinunter, dem Sturm entgegen und ließ den Wind meine flüchtigen Gedanken mit sich forttragen. Harues Garten lag ruhig vor mir, der Luftzug ließ den indigoblauen Vorhang am Eingang flattern wie ein Segel auf dem Meer. In Harues Garten fühlte sich alles an, wie in einem Märchen, wie in einer anderen Welt. „Haru…bist du da?“ Neugierig steckte ich meinen Kopf in den Eingang. „Janne? Ich bin hier…hinter dem Haus…“, hörte ich sie von irgendwo her, aus dem Verborgenen rufen. Ihre Stimme klang so gedämpft und fern. Suchend lief ich um das Haus und entdeckte ihre langen dunklen Haare, zurückgebunden unter einem hellblauen Schal. Mit einem kräftigen Stoß schob sie eine alte Blechwanne mit Werkzeug in den Schuppen und klatschte sich den Farbstaub aus den Händen. Zufrieden lächelte sie mir zu und griff nach dem bunten Handtuch, das sie sich locker um den Hals gelegt hatte. Sie atmete tief durch und wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn. „Haru…das ist doch viel zu schwer für dich allein…komm…ich helf dir damit…“, sagte ich und schob die Wanne noch ein Stück weiter über die Schwelle. Quietschend scheuerte das Blech auf dem Steinboden und rutschte in den Schuppen. 

Harue lächelte und wie immer sah sie so unglaublich bezaubernd aus, in ihren alten Arbeitskleidern. Ich fragte mich, ob sie sich ganz einfach über meine Hilfe freute oder vielleicht sogar ein wenig darüber, mich zu sehen. „Du bist sehr aufmerksam, Janne…und…schwächlich bist du auch nicht…komm mit…“, entgegnete sie und mir blieb der Tatendrang in ihren Worten nicht verborgen. „Okay!“ Mit ein paar großen Schritten holte ich sie ein und folgte ihr in die Werkstatt. „Ich denke…ich würde die vier großen Figuren lieber bei mir im Haus haben…“, sagte Harue und strich einem der dunkelgrün glasierten Shisas zärtlich über die Mähne. Sie sah aus wie eine Göttin, die ihre Schöpfungen liebt. 

In einem verborgenen Winkel meiner Seele erwachte der Wunsch, sie möge mich doch auch so berühren, wie ihre glänzend glasierten Schöpfungen aus Ton. Ich ertappte mich mitten in einem rosé getünchten Tagtraum, der mich in eine wohlige Luftblase bettete, weit weg vom unheilvoll drohenden Sturm. „Janne? Es tut mir leid…ich meine…wenn der Große dir zu schwer ist, dann lassen wir ihn hier draußen.“ Harue sah mich verständnisvoll und fast etwas verlegen an, so als wäre ihr gerade bewusst geworden, dass sie zu viel verlangt haben könnte. „Äh...nein…kein Problem, Haru...wir kriegen sie alle ins Haus…“, erwiderte ich und fing meine zerstreuten Gedanken wieder ein. 

„Ich dachte nur...wenn du Zweifel hast…?“ „Nee...ich war nur fasziniert für einen Moment...ich finde deine Shisas jedes Mal so wahnsinnig schön, Haru…“, erwiderte ich und spürte, dass ich in Wirklichkeit gar nicht von den Shisas sprach. Ein wenig erschreckte mich, was ich fühlte. Nur ein kleines bisschen freute ich mich darüber und schon im nächsten Augenblick machte mich das neue Gefühl unbeschreiblich glücklich. „Hmm...“, bemerkte Harue nur und sah mich prüfend an. Ich legte meine Arme um den Shisa und krallte meine Finger unter sein Hinterteil. Langsam hob ich die Figur an und stellte zu meiner Erleichterung fest, es ging. „Siehst du...alles klar, Haru...“, sagte ich lachend, während meine rechte Wange an die harte, kantige Mähne des Löwenhundes ausgeliefert war. Harue lief aufgeregt neben mir her und sah mir dabei zu, wie ich das größte ihrer Geschöpfe vorsichtig aus der Werkstatt trug. „Bitte...pass gut auf, Janne...“, ermahnte sie mich und ich hoffte, dass ihr dabei nicht nur der Shisa allein am Herzen lag. 

„Keine Sorge…ich hab den Kerl im Griff…“, entgegnete ich ein bisschen außer Atem. Der Shisa vergrub sein schlauchförmiges, lachendes Maul im Leinenstoff meines Hemds und bohrte mir seine Schnauze in die Schulter. Vorsichtig nahm ich Stufe für Stufe der kleinen Holztreppe und brachte den Shisa wohlbehalten in die Küche. Irgendwo in einer freien Ecke stellte ich ihn erleichtert neben zwei Reissäcken ab und musste tief durchatmen. Die Reissäcke mochten gewiss nicht schwerer gewesen sein, als Harues Löwenhund, der nun grinsend vor mir saß, als amüsierte er sich geradezu über die Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich hatte schon Angst, den Elefanten im Porzellanladen zu geben und mit dem Shisa gegen eine der beiden Verandapfosten zu stoßen. „Ja…du lachst, du klopsiger, fetter Brocken…und lässt dich von mir durch den Garten schleppen…“, sagte ich zu der Figur. Im selben Moment tauchte Harue mit einer weiteren Figur in den Armen auf. Ihr zierlicher Körper verschwand fast hinter dem Kunstwerk mit der violetten Mähne. Obwohl Harue sehnige Arme hatte und körperliche Arbeit gewohnt war, schien sie sich mit der sperrigen Last abzumühen. 

„Warte doch mal, Haru...ich nehm ihn dir ab…“, bot ich ihr an, ohne ihre Antwort abzuwarten. Vorsichtig schob ich meine Hände um den Shisa, bis sie zwischen seinen kalten, glatten Bauch und den Stoff von Harues Hemd glitten. Flüchtig nahm mein Handrücken die Wärme ihres Körpers wahr. Ich fühlte, wie ihr schlanker Körper Zartheit und Kraft auf eine magische Weise in sich vereinte. Für einen kurzen Moment berührten sich unsere Blicke, weckten Schmetterlinge und stupsten so etwas wie Sehnsucht wach. Scheue lag in der Flüchtigkeit und entschwand mit den Schmetterlingen in den Wind. 

Harue lächelte und überließ das rundliche Tongeschöpf meinen Händen. Ich fühlte seine kühle Schwere in meine Arme hinein sinken, seinen voluminösen Körper gegen meinen Bauch drücken. Harues Kreaturen verkörperten das Gegenteil ihrer Schöpferin. Ich hielt ein kaltes, plumpes Etwas in den Armen, das meinen Körper mit seinem Gewicht nach unten zog. Immer noch streichelte die sinnlich warme Empfindung einer flüchtigen Berührung den Rücken meiner Hand, während ihre Innenseite mit aller Kraft das kalte, glatte Hinterteil eines grinsenden Shisas hielt. Harues Schöpfung war zu schwer, um damit noch lange verwirrt im Garten herumzustehen und so tasteten sich meine Füße vorsichtig wie beim ersten Shisa die Holztreppen zur Küche hoch. 

„Was hast du da eigentlich vorhin gesagt…in deiner Sprache?“, fragte mich Harue nachdem ich ihr Riesenbaby unbeschadet neben seinem noch größeren Bruder mit dem weit geöffneten Maul abgestellt hatte. Harue musste mir zuhört haben, als ich ihre Schöpfung einen klopsigen, fetten Brocken genannt hatte. „Oh...nichts…“, erwiderte ich lachend. „Ich hab dem Shisa nur gesagt, dass er nicht grad der zierlichste Zeitgenosse ist...“, fügte ich in etwas vornehmerem Japanisch hinzu. „Es klang so schön aus deinem Mund…“, erwiderte Harue auf ihre unbedarfte Art und lächelte unergründlich vor sich hin. „Danke.“ Augenblicklich spürte ich heiß, wie mir das Blut in den Kopf schoss und blickte verlegen in den Boden. Ich war nicht sicher, ob Harue mir gerade ein Kompliment gemacht hatte. Wenn es auch nur meine fremden Worte waren, die sie schön fand, ich wollte es als Kompliment verstehen und grinste mir berührt in den Hemdkragen.

„Komm…lass uns noch die zwei Kleinen holen…“, schlug sie schließlich mit ihrem bezaubernden Lächeln vor und machte meiner Verlegenheit ein Ende. Mit einem Satz sprang sie leicht wie eine Feder die drei Holzstufen hinunter ins Freie. Unwirklich wie in einem Film wehten ihr langes Haar und die weiten Arbeitskleider im Wind, wie die Flügel eines Schmetterlings. Alles hätte die wundervolle Faszination am Verspielten bei mir hinterlassen können, hätte der Wind in ihren Kleidern mich nicht so sehr an den Taifun erinnert, der dabei war, mit einer Affengeschwindigkeit auf uns zuzurasen. Von neuem stieg das Unbehagen in mir auf, eine seltsame Ahnung, dass der Sturm nichts Gutes hinterlassen würde. 

Im Vergleich zu den großen, machten die kleinen Shisas kaum Mühe. Sie waren leicht und schlank. „Gut, wenn man mit den schweren Dingen anfängt…“, sagte ich und stellte den kleineren Shisa zu den beiden großen. „Ja...so ist es mit vielen Dingen im Leben.“ Harue rückte die vier Figuren ein Stück weiter in die Zimmerecke und betrachtete sie verliebt. „Das sind deine Liebsten…oder?“ Sie nickte und lächelte bescheiden vor sich hin. „Ja, diese Vier stehen nicht zum Verkauf…ich würde sie nie hergeben…genauso wenig wie die auf dem Dach…“, antwortete sie. Wie eine versteinerte Familie standen die vier Figuren vor uns und starrten uns mit ihren wulstigen Mäulern entgegen. „Ich glaube...ich könnte mich auch nicht von ihnen trennen...sie sind einfach zu schön...“, sagte ich und kniete mich auf den Holzboden, um ihre Gesichter aus der Nähe anzusehen. Es war faszinierend, wie jedes der beiden Paare so sehr harmonierte, als hätte Harue je zwei Gesichter einer einzigen Persönlichkeit geschaffen. 

Harue setzte sich zu mir und stellte zwei Sakebecher auf den Fußboden. Ganz unbefangen griff sie nach dem Saum ihrer Arbeitsjacke, um damit den Staub aus den Bechern zu wischen. Ich sah ihr verdutzt dabei zu und fragte mich, ob man mit einer Arbeitsjacke aus einer Töpferei ernsthaft irgendetwas vom Staub befreien konnte. Sie schenkte mir ein hinreißendes Lächeln und blies noch zweimal kräftig in die Keramikbecher. Meine Sorge vor Tonstaub im Getränk hatte sie sogleich mit fortgepustet. Harues Lächeln reichte aus, um mich fast alles um uns herum vergessen zu lassen. Selbst über den Sturm sprachen wir nicht mehr. Er verblasste einfach in der Ferne, irgendwo über dem Dunkelblau des Ozeans. 

Ohne sich umzudrehen griff sie zielsicher hinter sich ins Regal und holte eine große Flasche Awamori hervor. Der Anblick der bunten Flasche weckte meine Erinnerungen an das Unna-Festival, an meinen ersten so grauenhaften Kater seit einer Ewigkeit. Schon wieder dieses Teufelszeug…, dachte ich und fragte mich, ob kein einziger Anlass auf der Insel ohne den omnipräsenten Awamori denkbar war – noch nicht einmal ein so fürchterlicher, wie die Ankunft eines Taifuns. Ein unsichtbares Schütteln befiel mich und ich wusste, es würde mich gleich Überwindung kosten, auch nur einen einzigen Schluck davon zu trinken. Ob der Nachmittag schon der richtige Zeitpunkt war, mit Awamori anzustoßen, das war eine andere Frage, der ich zweifelnd gegenüberstand. 

Mit spitzen, tonverkrusteten Fingern riss Harue das Siegel ab, öffnete den Schraubverschluss und goss den Sake bedächtig in unsere Becher. „Auf dass der Sturm gut vorübergehen möge…“, flüsterte sie mir zu und reichte mir einen Becher. Nun hatte der Sturm seine Farbe zurück und war sogleich viele Meilen näher gerückt. Harue hatte ihn aus dem kurzen Vakuum der Vergessenheit zurückgeholt, ihn aus ihrem Mund tief, warm und melodisch in die Welt zurückbefördert. 

Taiwan musste der Taifun schon längst wie ein Schlachtfeld hinter sich zurück gelassen haben. Er würde ein Glas Sake im Bruchteil einer Sekunde leeren, ohne auch nur mit einer einzigen Wimper seines unheimlichen Auges zu zucken. „Hoffen wirs, Haru...ich hab keine Ahnung...das ist ja überhaupt der allererste Taifun in meinem Leben…“, entgegnete ich und stieß mit ihr an. Beeindruckt starrte ich die zarte Harue an, während sie den Becher beinahe mit einem einzigen Schluck leerte. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und stellte den leeren Sakebecher vor sich auf den Fußboden. 

Auf ihrer glatten Stirn lag eine einzige feine und sorgenvolle Falte, die zwischen den Augen ein klein wenig einknickte. „Hast du Angst, Haru?“, fragte ich sie und nippte mit einem resignierten Seufzer am Awamori. Harue schien sich wirklich Sorgen zu machen und dennoch lächelte sie. „Keine Angst...es wird schon gut gehen...so wie immer...“, sagte sie und in ihr Lächeln hinein mündete eine kaum merkliche Kontur der Besorgnis. Bis zum frühen Abend blieben wir in Haures Küche sitzen und lauschten der Stimme des Sturms. Wir hörten ihn näher kommen, hörten das leise Säuseln, das sich plötzlich in die Melodie des Windes schlich - wie ein Sopran, der unerwartet in ein Stück einfiel und die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer bannte. 

Nur allzu ungern verabschiedete ich mich an jenem Abend von Harue. Am liebsten wäre ich bei ihr geblieben, doch fehlte mir die unmissverständliche Einladung und außerdem hatte ich Yoshi versprochen mit ihm italienische Pasta zu kochen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu verabschieden, bevor der Sturm richtig losbrechen würde. In meinem Herzen herrschte Aufruhr. Unzählige Worte für ein einziges Gefühl, das ich doch nicht zu beschreiben vermochte, stoben in mir durcheinander. Mir war, als wäre der Sturm in meinem Herzen angekommen, noch ehe er die Insel erreicht hatte.

Ich nahm Harues Hand und hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Für einen winzigen Moment sahen wir uns in die Augen, ehe wir fast zeitgleich in ein verlegenes Lachen verfielen. „Ich geh dann mal besser...bevor es losgeht...“, sagte ich und spürte den Widerwillen, der in mir heranwuchs, während ich sprach. Harue nickte. „Ja sicher...es ist bald zu gefährlich, draußen herumzulaufen...“, erwiderte sie höflich wie immer und ich konnte nicht sagen, ob ich mir nur wünschte, den süßen Schmerz des Abschieds in ihren Mundwinkeln zu sehen, oder ob er wirklich da war. 

„Kommst du klar, Haru?“ Am liebsten hätte ich ein Nein gehört und dazu die Bitte an mich, dazubleiben. Immer noch hielt ich ihre Hand, ohne es zu bemerken. Harue entzog sie mir nicht. Ruhig ließ sie ihre Hand in der meinen liegen. „Ich komm klar, Janne...das ist nicht mein erster Taifun...“, sagte sie und schüttelte schließlich sachte meine Hand, fast so als wollte sie mich endlich losschicken. „Pass gut auf dich auf, Haru.“ Unbeholfen stand ich ihr gegenüber, wollte sie in den Arm schließen, wünschte ihr noch einen Kuss zu geben. Kein Sturm der Welt flüsterte mir, ob es schicklich oder unschicklich, richtig oder falsch gewesen wäre. Hin und hergerissen zwischen Wollen und Nichtkönnen, stand ich da und wusste nicht, wie ich nun gehen sollte, um Harue in der Sturmnacht allein zurückzulassen. 

„Mach dir um mich keine Sorgen...pass du auf dich auf, Janne...und halte alle Türen verschlossen, rund ums Haus.“ „Ganz sicher...Yoshi weiß ja Bescheid...“, sagte ich und blickte etwas beschämt zu Boden, nun auch noch Yoshi ins Gespräch gebracht zu haben. Auf Harues Gesicht lag das übliche sanfte Lächeln. Sie schien es mir nicht übel zu nehmen, dass ich mich mehr oder weniger auf Yoshi verließ, was den Sturm anging. „Das ist gut, Janne...dann bist du sicher und wir sehen uns, sobald der Sturm vorüber ist.“ Harue zog ihre Hand behutsam aus der meinen und reichte mir meine Tasche. „Gute Nacht, Haru...pass gut auf dich auf...“, sagte ich noch einmal und wollte gerade die Treppen zum Garten hinuntersteigen, als Harue mir ihre Arme auf die Schultern legte und mich an sich drückte. Für einen winzigen Augenblick hielt sich mich fest an sich gedrückt und ich konnte ihren warmen Atem an meinem Hals fühlen. 

„So...und nun geh schnell nach Hause, Janne...“, flüsterte sie mir zu und überließ meinen von Adrenalin überschwemmten Körper wieder sich selbst. „Bis bald, Haru...“, faselte ich betreten. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes spürte ich Harues Wärme und den Geruch ihres Körpers in mir nach. Ich würde das Gefühl mit in Yoshis Haus nehmen, mit unter meine Decke und der Sturm würde wie im Flug über uns hinwegziehen. „Bis bald, Janne...wir sehen uns...“, rief mir Haru winkend hinterher, als ich eilig durch den Wind auf die Straße hinaus lief. 

Der Wind schob mich kühl und ungemütlich die Straße hinunter, riss irgendwo unmittelbar hinter mir mit einem lauten Ratschen eine Plane von einem Wasserfass und wirbelte sie durch die Luft. Hinter zugezogenen Shôjis spielte jemand Sanshin, eine einsame, melancholische Melodie, gebrochen vom Pfeifen des Windes. Ich dachte an die kleinen, hässlichen Yadokari am Strand, die nichts hatten als ihre Muschelhäuschen, um sich vor dem Sturm zu verkriechen. Noch einmal drehte ich mich nach Harues Haus um. Ihr Haus hinter mir zu lassen, fühlte sich an, als hätte ich sie allein zurückgelassen, so kurz vor dem unheimlichen Sturm. Am liebsten wollte ich immer noch auf dem Absatz kehrt machen, doch ich hatte ja so wie so Yoshi versprochen, am Abend zurück zu sein. In den letzten Tagen hatte ich immer weniger Zeit in Yoshis Haus verbracht, dafür umso mehr mit Harue. 

Die Töne des Sanshinspiels verklangen im Wind, jede einzelne der orangefarbenen Blüten am Straßenrand hatte ihre kelchförmigen Blätter geschlossen. Nicht nur die Menschen, auch die Natur bereitete sich vor, so gut es ging. Der Wind schob mich immer weiter die Straße hinunter, bis vor Yoshis Haus. Haru...hoffentlich wird deine schlaflose Nacht nicht zu einsam…, dachte ich und bemerkte, wie unbehaglich mir selbst zumute wurde, bei dem Gedanken, mitten im tobenden Sturm zu schlafen. Auf der anderen Seite der Gartenmauer hörte ich Juns lautes Kinderlachen. „Nein, Jun…du bleibst hier jetzt, verstehst du! Aus…Schluss jetzt, der Sturm kommt…jetzt wird nicht mehr Fahrradgefahren!“, rief Setsuko laut zwischen das aufgekratzte Gelächter des Jungen.