"Das Leben ist eine Reise - es schreibt die Wirklichkeit, die wir einsammeln, wie Muscheln und bunte Steine.
Wir öffnen unsere Koffer, beginnen zu erzählen und schreiben die Wirklichkeit neu - so, wie wir sie nie zuvor für möglich gehalten haben."
 

Francis Kaufmann

Hallo liebes Lesepublikum!

Ich bin Francis Kaufmann, Autorin, Sozialwissenschaftlerin und Weltreisende. Mit dem Reisen ist auch das Schreiben zu meiner Leidenschaft geworden und je ausgedehnter meine Reisen durch Asien, Australien, Amerika wurden, umso mehr nahmen die Geschichten in meinem Kopf Gestalt an. Ja, man  könnte beinahe sagen - sie wollten fortan zu Papier gebracht werden. 

 Meine Reisen beginnen vor meiner Haustür, führen mich in die Ferne, in die weite Welt hinaus, um schließlich in der Tiefe meiner selbst zu enden. Immer wieder breche ich auf, um fremde Länder zu erkunden, frischen Wind zu schnuppern und neue Erfahrungen zu sammeln. All diese Eindrücke fließen in meine Romane ein, verleihen ihnen Farbe und den Geschmack des Authentischen. 

Das Schreiben hat mein Leben verändert. Es ist zu meiner Bestimmung geworden. Ich schreibe Road Novels - Geschichten, die sich unterwegs ereignen, auf der Reise, auf dem Weg irgendwohin. 

Die Hauptcharaktere meiner Romane sind Frauen, so wie auch meine Liebespaare Frauen sind. In erster Linie erzählen meine Romane jedoch von Menschen, die im Aufbruch sind, die unterwegs sind, auf der Reise ihres Lebens.

Als das Reisen begann

Mit 13 hatte ich es geschafft, ich hatte meine Eltern davon überzeugt, mit mir aufzubrechen. Alle anderen in meiner Klasse kannten das Meer, waren mindestens einmal eingetaucht, in das endlose Blau, das angeblich nicht einmal hinter dem Horizont ein Ende finden wollte. Ich war die einzige, die keine Ahnung hatte, wie es sich anfühlte, über den Strand zu laufen, die Füße in die nasse Unendlichkeit zu stecken, um schließlich ganz und gar einzutauchen. Ich wusste nichts darüber, wie sich salzige Luft atmete, wie sie auf den Lippen schmeckte. 

Mit dem Anbruch der Sommerferien fuhren wir los, nach Istrien. Es war soweit – zum ersten Mal mehr sehen, zum ersten Mal das Meer sehen. Im goldfarbenen Ford Konsul erreichten wir die Straße, die in den Süden führte, zusammen mit zehntausend anderen, die im Konvoi der Ferienmacher dem wohlverdienten Urlaub entgegenfieberten. Gemeinsam ergaben wir eine Blechlawine, die langsam aber sicher auf die Adria zurollte – gnadenlos, eingebettet in Abgaswolken, die unter der Sonne flirrten. Es gab heißen Kaffee, der nach Thermoskanne und Plastikbecher schmeckte – sorgfältig verpackte Salamibrötchen, die an zu Hause erinnerten. Ich wusste nicht, dass ich all das viel später unter der Rubrik Nostalgie verbuchen würde.

Irgendwann löste sich die Blechlawine auf und ihre Teilchen verloren sich auf allen erdenklichen Straßen in den Süden hinein. Ein Augenaufschlag und ich konnte es vor mir sehen, vom Rücksitz aus, durch die Köpfe meiner Eltern hindurch. Da! Das Meer! Ich sehe das Meer! Ich war die einzige im Wagen, für die der endlose Streifen Dunkelblau Neuigkeitswert zu besitzen schien. Mich versetzte er in helle Aufregung, fast wollte ich platzen vor Begeisterung. Irgendwo hielten wir, direkt am Meer und ich setzte zum ersten Mal in meinem Leben einen Fuß in die salzige Heimat unbekannter Meeresbewohner, füllte die Taschen meiner Shorts mit Muscheln und ließ mich auf den Wellen treiben. Noch immer gibt es das Foto mit dem gelben Sonnenhut. Die lachende alte Dame vor der Gartenlaube, die für mich lilafarbene Weintrauben pflückte – sie wurde nie mit der Kamera eingefangen und doch ist sie mir bis heute in Erinnerung geblieben. Als Teenager wusste ich nicht, dass es ihre Weintrauben waren, die nach Reise schmeckten, nach einer fremden Erfahrung, die sich in der Vagheit der Ahnung verflüchtigte.

In meiner frühen Jugend hatte ich Ferien gemacht und das Reisen war ein noch unberührter Begriff, der unfertig durch mein Bewusstsein geisterte. Das Reisen als solches gab es noch nicht, damals, in jenem Abschnitt des jungen Lebens. Es begann ein wenig später, auf fünf Quadratmetern Papier, auf einer riesigen Weltkarte, die mir in die Hände fiel, just als die DDR aufgehört hatte zu existieren, als Hals über Kopf neue Karten gedruckt werden mussten. Mit gutem Grund wurden die alten Exemplare ausrangiert und eines davon schaffte es in meine offenen Hände. GDR – drei Buchstaben verschwanden unter einer Schicht von Tipp-Ex und mit ihnen eine Landfläche, die ich während meiner Kindheit so oft besucht hatte, dass sie meiner Heimat näher lag, als jedes noch so unweite Reiseziel. 

Mein Vater verstärkte die Erde mit Pappe, damit sie endlich aufhörte, sich einzurollen, damit sie eine Scheibe abgedruckter Wirklichkeit blieb und sich widerstandslos an die Wand pinnen ließ. Jede Nacht schlief ich unter den Augen der Welt und eine Ahnung vom Reisen beschlich mich, als geografischer Traum. Auf einer Schicht von Klebstoff warf der Pazifik seine Wellen, bettete den Traum vom Reisen in dreidimensionales Blau. Ganz in Rot zog sich mein Traum die Landkante am Pazifik entlang, wie eine Naht, die dafür sorgte, dass ein ganzer Kontinent nicht einfach links über den Rand Karte hinaustrieb. Rot verlief der Highway No 1 durch San Francisco, durch den kleinen Punkt, in dem ein grünes Fähnchen steckte.

Noch ein paar Jahre dauerte es, ehe ich wahrhaftig auf jenen Ort mit dem Fähnchen zusteuerte, in einem roten Chevrolet, zusammen mit meiner Jugendliebe. Scott McKenzie begleitete uns über die Golden Gate Bridge und nicht einmal die Blüten fehlten, in meinem Haar. „There‘s a whole generation with a new explanation“ (S. McKenzie) – ja, selbst Haight-Ashbury schien die späten 60er nie vergessen zu haben. Von da an begann ich, mein Leben als Reise zu begreifen. 

Ich hörte nie auf, mich auf den Weg zu machen, neue Orte zu erkunden. Die Weltkarte aus meiner Jugendzeit ist längst von der Wand verschwunden. Irgendwann war sie plötzlich klein geworden, unzulänglich. Ich trage die Welt im Bewusstsein – die Welt formt mein Bewusstsein. Jede Reise in die Ferne ist eine Reise zu mir selbst. Die Welt lässt sich nicht mehr auf einem Stück Papier abbilden – egal wie groß es auch sein möge.

Francis Kaufmann